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Shelter – ausgefuchster Indie-Titel mit Dachs

Geschrieben von Michael Fuchs

Shelter – Indie-Game vom schwedischen Entwickler Might and Delight. – Ich habe mal reingeschaut und mich des ersten Gebietes angenommen. Hier meine ersten Eindrücke zum Spiel.

Shelter ist eines derjenigen Spiele, die aus der Verlegenheit, es nicht ohne weiteres in eines der bekannten Genres genau kategorisieren zu können, den Indie-Stempel bekommen. Ihr spielt eine sympathische Dachs-Mutter – ob Männlein oder Weiblein konnte ich trotz intensivsten Studien durch alle erdenklich geeigneten Kamerawinkel im Spiel allein nicht feststellen, doch die Entwickler verraten es auf der Homepage –, die ihre Dachs-Kinder durch verschiedene natürliche Gebiete geleiten muss – dem Titel nach gesprochen: ihnen Schutz, Shelter gewähren muss. Kümmert Ihr Euch nicht gut genug um Eure Kleinen, so verhungern sie oder werden von zu mächtigen Gegnern verschlungen. Abhilfe schaffen verschiedene Arten von Nahrung, die auf rempeln vom Baum fällt, durch ziehen aus der Erde ploppt oder sich anschleichend zu erbeuten ist. Für alles andere gilt: Lieber im hohen Gras, in einer Höhle oder in einem hohlen Baumstumpf verstecken.

Spähend im hohen Gras.

Das Gameplay funktioniert über wenige Tasten: WASD-Steuerung und Maus-Kameraführung, dazu Linksklick für Aktionen und schnellere oder langsamere Gangart mit Shift bzw. Steuerung. Die kleinen Dachse folgen automatisch – und das, wo viele Spiele mit NPC-Begleitern ihre Frust-Momente zu erzeugen wissen, sehr zuverlässig und gescheit; wenn auch manchmal etwas chaotisch und zögerlich wirkend: aber hey – es sind doch noch Kinder! Der Eindruck von der KI ist schwach, da sie eher auf Flight statt Fight gepolt ist – woran einmal mehr deutlich wird, worauf in Shelter der Fokus liegt: auf dem Kümmern um die nächsten anstatt auf der Destruktivität gegenüber den anderen. Der Fixpunkt, um den Eure Kamera schwenkt, ist durch Euer Dachs-Sein bestimmt: In den Himmel zu schauen klappt nur aus engem Winkel.

Die Dächsin trägt eine Lampe bei sich?

Das Game Design sieht offenbar vor, dass ich als Spieler unter Erleidung möglichst geringer bis gar keiner Verluste an Dachskindern von Ort A nach Ort B komme. Dies scheint zwar auf eine gewisse Weise vor dem Hintergrund der Charakter-Gestaltung innovativ zu sein, ist aber etwas sehr gewöhnliches (dieses Muster findet Anwendung in etwa jedem Jump’n’Run oder den meisten Shootern). Was Shelter jedoch auszeichnet ist die Besonderheit, dass „Leben“ tatsächlich „Leben“ sind – keine abstrakt gedachten Herzchen oder Balken, sondern kleine Dachskinder, mit denen ich sogleich interagieren kann und deren Endlichkeit damit endgültig zu sein scheint. Dieses – freilich existenzielle – Element wird zusätzlich durch das gänzliche Fehlen eines Interfaces in den Fokus des Spielers gerückt: Er solle sich voll auf seine In-Game-Umgebung konzentrieren. Verstärkt wird dieses Gefühl durch die Reduktion der Handlungsmöglichkeiten auf das Notwendigste; auf das, was ein Dachs nun mal so kann und können muss um sein eigenes und das Überleben seiner Kinder zu sichern.

Verzug vor Gefahr.

Zum technischen Teil möchte ich kaum etwas schreiben: Shelter ist ein Indie-Game, das wie so viele vor der Herausforderung steht aus möglichst wenig möglichst viel zu machen. Ob das gelungen ist, mag jeder selbst für sich entscheiden, sofern er nicht über das ominöse Objektiv verfügt. Einzig als störend sind mir einige Kollisionsabfragen aufgefallen: Durch manche Ecken kam etwa ich durch, vor anderen, scheinbar breiter, wurde ich vom allbekanten Unsichtbar geblockt.

Romantisches Artwork.

Mein erster Eindruck: Shelter beschäftigt mich. Nach dem Durchqueren des ersten Gebietes und dem zur Zeit noch vor mir liegendem Rest des Spiels muss ich inne halten: Ich bin gerade als Dachs-Mutter mit ihren 5 Kindern durch einen herbstlich dünn begrünten Bergenwald gelaufen, habe meine Kinder auf dem Weg gefüttert, dass sie mir nicht entkräften, und habe eines von ihnen durch einen Raubvogel verloren. Shit happens. Das traf mich – denn ich war mir sicher, dass ich es schaffen würde. Shelter macht mich orientierungslos. Ich sehe noch kein Ziel. Das erste Gebiet war dankenswerter Weise quasi-schlauchförmig, sodass ich immerhin stets eine Richtung hatte und mich nicht in einem offenen Nirgendwo verlief. Ich fühle mich etwas gespalten: Einerseits empfand ich eine gewisse Entspanntheit durch das Grafik-Design, die hellen Pastell-Töne und die lässige musikalische Untermalung, die etwas Prärie-Feeling aufkommen ließ, andererseits verspürte ich eine Lebensot: Woher, wohin und wozu – aber das Leben muss weitergehen: fressen oder gefressen werden.

Wer ein Spielgefühl außerhalb des Mainstreams sucht, dem sei Shelter ans Herz gelegt.

Shelter ist über die Homepage des Entwicklers erhältlich oder über Steam:
http://shelterthegame.com/index.php?page=buy
http://store.steampowered.com/app/244710

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